Am Maccu Picchu in Peru (Foto: Newikky/ Shutterstock)

Aufstehen: Neu ins Leben

in Predigten von

Wunder gibt es immer wieder. Sie zeigen etwas vom Wesen Gottes, der oft so ganz anders und geheimnisvoll wirkt. Auf der anderen Seite ist da unser Wunsch, alles und gerade auch Wunder erklären zu können…

Worte aus dem Johannes-Evangelium, 11. Kapitel. Die Geschichte von Lazarus.

WUNDER. Da gibt es wunderschöne Orte wie zum Beispiel ganz nah hier auf der Insel Mainau oder weit in der Ferne beim letzten verbliebenen Weltwunder, den Pyramiden von Giseh. Viele besuchen solche und andere Orte mit wunderbaren Menschen. Wir genießen diesen wundervollen Augenblick – ob in der Natur oder bei einem großartigen Gebäude.

Und damit noch nicht genug von Wundern. Es gibt auch, das was für uns persönlich ein Wunder ist. Was ist ein Wunder für Sie, wo haben Sie schon mal so etwas wie ein Wunder erlebt? Nehmen wir uns einen Moment der Besinnung, denken an wunderbare Augenblicke, schließen dazu die Augen, schauen mit unserem inneren Auge…

Wunder zeigen etwas vom Wesen Gottes, aber auch von dem, was so menschlich, alltäglich und eigentlich ganz „normal“ ist. Erst staunen wir, instinktiv, unvermittelt, einfach so wie ein kleines Kind – Wow! Gänsehaut-Feeling, der Zauber des ersten Moments. Und dann als zweites erst kommt sie, unsere Gewohnheit, das Erlebte zu hinterfragen.

Besonders spannend finde ich dabei naturwissenschaftliche Erkenntnisse, so nüchtern (wir nennen es auch „rational“) diese Forschungsergebnisse manchmal sind. Und am Ende? Dann glauben wir an den Versuchsaufbau, die Annahmen die wir fürs Belegen unserer These getroffen haben und zweifeln manchmal trotz aller Vorbildung – ähnlich wie Maria und Martha die um ihren Bruder trauerten.

Was für ein Mensch!

„Mensch, wärst du bloß hier gewesen“, sagte Martha zu Jesus, „dann wäre mein Bruder nicht gestorben“. Martha ist sich ganz sicher, dass Jesus Hoffnung schenkt, wo (eigentlich) für uns Menschen nichts mehr zu hoffen ist. Lazarus ist klinisch tot, schon mehrere Tage. Und dann… dann kommt Jesus. Geschehen vielleicht doch noch „Zeichen und Wunder“? Jesus – für Martha ein Wunderheiler – spricht vom Auf(er)stehen und Leben…

Doch welches Leben meint Jesus hier? Unser körperliches Leben oder meint er möglicherweise mehr? Im Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments, gibt es zwei unterschiedliche Begriffe für Leben.

Mein Bios-Update

Der eine, bios bezeichnet die Dauer unseres Lebens im Hier und Jetzt: der Lebenslauf. Dieses Leben ist stets vergänglich und begrenzt. So ist das mit dem Leben seit unserer Geburt. Es gibt wunderbare Momente, die uns freuen – für mich ist ein solches Wunder die Geburt unserer Tochter, seit ein paar Tagen kann sie frei laufen.

Doch im bios hat aller Zauber auch sein Ende, es gibt Enttäuschungen und Rückschläge. Jesus meint mit seiner Rede vom Auf(er)stehen und Leben mehr als die für unseren Kulturkreis befremdlich wirkende Totenauferweckung…

Denn in seinem Gespräch mit Martha verwendet Jesus den anderen Begriff, welcher die Lebensqualität beschreibt: zoä. Dieser Begriff meint all das, was unser Leben im Kern ausmacht. Die Redaktion des Johannes-Evangeliums war philosophisch gebildet, kannte sich aus mit Platons Ideenleere, in welcher nicht das bloße Leben als höchstes Gut gilt, sondern vielmehr „das gute Leben“ – Zoä.

Das gute Leben

Es umschließt meine Hoffnung, dass Gott mich hält, liebt, annimmt – mit allen meinen Macken. Denn Zoä geht weit hinaus über die von uns erlebten Grenzen von Raum und Zeit und Gesundheit. So verändert Jesus Marthas Perspektive und ich wünsche mir, dass er auch meine Sichtweise verändert, dass ich lerne, mehr zu sein als ich selbst aus mir zu „machen“ versuche.

Diese Hoffnung nach dem guten Leben, die Jesus bei Martha weckt, überdauert den biologischen Tod. Leben/ zoä – ist ein zentraler Begriff im Johannesevangelium. In den berühmten Ich-Bin-Worten spricht Jesus durchgängig vom Leben, das uns in ihm versprochen ist:

  • „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6,35),
  • „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12) oder
  • „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

Jesus sagt, dass er der Weg zum „guten Leben“ ist. Gibt es vielleicht eine Abkürzung dahin?

Nun. Jesus weiß ebenso wie wir, dass wir alle einmal den biologischen Tod sterben werden. Doch diesem Tod nimmt Jesus die Bedeutungsschwere. Gott sei Dank haben wir gute Aussichten. Jesus sagte es so: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10) Dieses Leben mit Jesus ist das gute Leben. Hier im Diesseits ist es im Werden, manches ist (noch) nicht so wie ich es gerne hätte und doch glaube ich, kommt das Beste zum Schluss! Oder sollte ich besser im Anfang sagen?

Raum und Zeit, Ewigkeit

Jesus will, dass wir von Neuem geboren werden – in das gute Leben, in Gottes Reich, Ewigkeit. Was unsere Vorstellungskraft sprengt, die Grenzen von Raum und Zeit, darüber philosophiert Jesus mit gebildeten Menschen – Frauen wie Martha und Männern wie Nikodemus (Joh 3,3). Und der Apostel Paulus geht noch einen Schritt weiter und schreibt: „Wenn jemand zu Christus gehört, gehört er bereits zur neuen Schöpfung“ (2. Kor. 5,17).

Bereits im Alten Testament finden wir ähnliche Gedanken Gottes im Gespräch mit dem Propheten Jeremia: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich gekannt“ (Jer. 1,5). In diesem Sinne gibt es weder einen Anfang noch Ende für das gute Leben, dem Leben mit Gott, mit Jesus Christus. Paul Gerhardt formulierte es so, vertont in einem der prominentesten, ökumenischen Lieder zu Weihnachten (EG 37.2): „Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ Ist das, liebe Gemeinde, nicht ein Wunder?

Glaube versetzt Berge

Natürlich haben Wunder haben immer etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes und das wird in diesem Leben noch eine Weile so bleiben. Gedanklich will ich vieles „durchdringen“, um möglichst jede Ecke denken, potentielle Risiken und Nebenwirkungen meines Lebenslaufs minimieren um voran im Leben zu kommen. Und dabei merke ich dennoch immer wieder, wie viele Dinge ich eigentlich nicht in der Hand habe.

Wunder, die gibt es weder als Rezept, noch bekomme ich sie per Knopfdruck – bei allem Wunderglauben an die Technik. Manchmal geschehen Wunder ganz nebenbei, vermeintlich unspektakulär und doch wunderbar – im Stillen! Innerlich, in unserer Seele. Hier bekomme ich Mut zum Leben, meine Fantasie wird beflügelt und viel Liebe wird mir geschenkt in meinen Beziehungen, auch der zu mir selbst. Auf Ihre, eure und meine Sichtweise kommt es an.

Der Glaube soll Berge versetzen. Und er befähigt uns dazu, Wunder mitten im Alltag zu erkennen – und darin Auferstehung zu erfahren: So lasst uns neu ins Leben gehen, auf eigenen Füßen stehen – innerlich frei und versöhnt, zufrieden und dankbar für all das, was Gott uns gerade gibt.

Amen.

Predigt in der Schloßkirche auf der Insel Mainau im Bodesee am 20.09.2015

Artikelbild: Newikky/ Shutterstock

Ich bin Jan Otte. Und möchte Menschen Mut machen. Das versuche ich mit Worten und Taten, mit meiner Schreibmaschine und dem Mikrofon, mit diesem Blog und Podcast...

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